OBDACHLOS : IM PIK AS FINDEN MÄNNER VON DER STRASSE ZUFLUCHT

Das ist besser als Platte machen

Die Übernachtungsstätte bietet Wohnungslosen mehr als eine Schlafstelle.
Manche schaffen hier den Sprung zurück in ein sesshaftes Leben.
Bewohner der Übernachtungsstätte Pik As


Erwin S. (75) lebte mehr als 40 Jahre ohne festen Wohnsitz. Seit zehn Jahren hat er im Pik As ein Bett und ein Dach über dem Kopf.
Foto: Ott

Ann-Britt Petersen

Eine eigene Wohnung besaß Erwin S. in seinem langen 75-jährigen Leben nie. "Ich war zwanzig Jahre lang als Schausteller unterwegs, habe auf Jahrmärkten gearbeitet, bei den Autoskootern", sagt Erwin S. Mehrere Jahre lebte er auch auf der Straße. Seit zehn Jahren ist sein Zuhause nun schon das Pik As, die Übernachtungsstätte für obdachlose Männer in der Neustädter Straße. Ein 16 Quadratmeter großes Zimmer teilt sich Erwin mit einem Mitbewohner. Jeder hat ein Bett, einen Tisch, einen Schrank. Auf den Tischen lagern Apfelsinen, ein paar Groschenromane. Es sieht aus, als seien die Bewohner auf der Durchreise. Für Erwin ist seine Zimmerhälfte eine Dauerlösung, und er ist froh darüber. "Mit 65 war ich zu alt für die Straße, hier hab ich mein Bett, meine Kumpels, das ist besser als draußen Platte machen", sagt der gebürtige Leipziger, der 1964 nach Ärger mit Parteifunktionären aus der DDR ausgewiesen wurde. Für die Menschen, die nicht mehr wissen, wohin, die durch Schicksalsschläge aus teils sicher geglaubten Existenzen geworfen wurden, die nach Krankheit oder Sucht keinen Halt mehr fanden, für sie alle ist das Pik As rund um die Uhr geöffnet. "Jederzeit, auch nachts werden Wohnungslose von uns aufgenommen, bekommen ein Bett zugewiesen", sagt Rüdiger Gollhardt (32), gelernter Heilerziehungspfleger und im Pik As als Betreuer am Empfang tätig.
Bis zu 190 Männer können in den Zwei- bis Achtbettzimmern des vierstöckigen Backsteinhauses unterkommen.

"Zunächst für eine Notübernachtung von drei Tagen. Dann müssen sie zur Fachstelle für Wohnungsnotfälle, die die Aufenthaltskosten befristet bewilligt", sagt Rüdiger Gollhardt. Wer länger bleibt, für den zahlen Träger wie die Sozialbehörde oder die Arbeitsgemeinschaften. Auch Ein-Euro-Jobber wohnen hier. Das Piko, wie das Pik As von vielen genannt wird, kann der erste Schritt zurück in die Sesshaftigkeit sein. Zwei Sozialarbeiter im Haus unterstützen diejenigen, die Hilfe suchen. Sei es, um verlorene Dokumente zu besorgen, Anträge zu stellen, einen Platz in Wohnunterkünften oder sogar eine Wohnung zu finden. Wenn es klappt, ist es wie ein Lottogewinn. Heino B. (44) hat es geschafft. Stolz zeigt er den neuen Mietvertrag für eine kleine Wohnung. "Mit einer festen Adresse habe ich überhaupt erst wieder eine Chance, Arbeit zu finden", sagt der gelernte Krankenpfleger. Zwei Monate wohnte er im Pik As. Zu den Eckdaten seines Lebenslaufs gehören Jobverlust und Scheidung, aber auch eine kleine Erbschaft, mit der er eine neue Existenz gründen wollte. Der Versuch scheiterte, und der Vater eines zwölfjährigen Sohnes landete auf der Straße. Jetzt möchte er wieder Fuß fassen. Fuß fassen in einem bürgerlichen Leben, das schaffen nicht alle. Manche haben sich aufgegeben. "Viele sind seelisch und körperlich ausgebeutet vom Leben auf der Straße", sagt Melanie Anger, Leiterin des Pik As. Die Sozialpädagogin, die seit einem Jahr die Chefin "zum Anfassen ist", wie sie selber sagt, sieht in der Einrichtung mehr als nur eine Übernachtungsstätte.

"Jeder, der hierherkommt, hat seine Hintergründe, oft kamen verschiedene Umstände wie Jobverlust, Trennung, Krankheit zusammen, die den Menschen abstürzen ließen", sagt die 32-jährige Mutter einer elfjährigen Tochter. Sie weiß von der Ausgrenzung und den Vorurteilen, die vielen Obdachlosen auf der Straße entgegenschlagen. Sie lässt sich nicht vom Äußeren der Menschen, ihrer Armut oder ihren Drogen- und Alkoholproblemen beirren. "Wir begegnen jedem mit Respekt und nehmen ihn ernst." Im Pik As finden sie Zuflucht und etwas menschliche Wärme. Dafür sorgen auch die über die Übernachtung hinausgehenden Angebote. Um sie zu finanzieren, hat sich der Förderverein Pik As gegründet. Mit Spenden konnte er medizinische Sprechstunden mit ehrenamtlich tätigen Ärzten einrichten und warme Mittagessen ermöglichen. Thomas Kirtzeck (46), ein ehemaliger Pik-As-Bewohner, bereitet es in der hauseigenen Küche aus Lebensmittelspenden zu.
Er steht auch hinter dem neuesten Projekt des Fördervereins: Im Hof vor dem Haus soll eine Sitzgruppe mit Bänken aufgestellt werden. Thomas Kirtzeck ist überzeugt: "Das wäre schön für Bewohner und Besucher, man könnte dort gut miteinander ins Gespräch kommen."
Die Redaktion Von Mensch zu Mensch wird sich mit einer Spende am Projekt beteiligen.
erschienen am 28. Februar 2009

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