Sein ganzes Leben war eine Reise, nur dass er nie irgendwo ankam.
Als junger Mann machte er eine Lehre als Isolierer, arbeitete mal hier, mal da. Trank, mal hier, mal da. Der Kampf ging weiter, weil sich Erwin nichts von den Parteibonzen der SED gefallen lässt. Ich habe nie das gemacht, was die wollten. Fünfmal steckten sie ihn ins Gefängnis, bis er 1964 des Landes verwiesen wurde. Über den Checkpoint Charly in Berlin verließ er die DDR, reiste nach West-Berlin aus. Es war sein Ticket in die Freiheit. Junger Mann zum Mitreisen gesucht lautete eine Annonce, die Erwins weiteres Schicksal bestimmen sollte. Ich heuerte bei Schaustellern an und reiste durch das ganze Land. Von Nord nach Süd, von Ost nach West ging die Reise. Zwanzig Jahre lang. Bei den Autoscootern habe er gearbeitet, da, wo sich die jungen Leute immer treffen. Aber der schönste Ort war immer seine Heimat, war immer Leipzig. Als er 65 Jahre alt wird, ist Schluss mit dem Vagabundieren. Seitdem ist er auf den Straßen Hamburgs unterwegs. Wenn Erwin heute auf sein Leben zurückblickt, tut er das wie er sagt ohne Wehmut. Er bereut es nicht, nie geheiratet zu haben. Verliebe dich oft, verlobe dich selten und heirate nie,lautet sein Credo. Und verliebt war er häufig.
Erwin schämt sich nicht, so viel getrunken zu haben. Kein eigenes Heim besessen zu haben, mit einer Tür, die er abschließen konnte. Er bereut es nicht, sagt er. Der einzige Schlüssel, den Erwin besitzt, hängt um seinen Hals, an einem grünen Band. Darauf steht Cooler Abhängen. Es ist der Schlüssel zu einem kleinen, schmalen Spind im Pik As, in dem sich sein Hab und Gut befindet. Ein paar Hemden, Hosen. Keine Wertsachen, hab ja keene, wa. Sein einziger Schatz hängt ebenfalls um seinen Hals: Ein kleiner metallener Totenkopf an einem Lederband. Kleine Steine sind darin eingearbeitet. Brillanten, flachst Erwin. In Wirklichkeit sind es nur Glassteine. Hat mir mal ein Freund geschenkt. Er meinte, wenn ich das verliere, haut er mich tot. Und Erwin bereut es auch nicht, nie wirklich Geld gehabt zu haben, und die paar Kröten, die er hatte, für Alkohol ausgegeben zu haben. Eine Rente hat er nicht. Geld interessiere ihn gar nicht. Er kann im Pik As schlafen. Und ein Mittagessen bekomme man da auch. Andere Leute, die spielen jede Woche Lotto für 50 Euro und gewinnen nie was. Ich gewinne, ohne Lotto zu spielen, sagt er. Was er aber mit einem Lottogewinn machen würde, das weiß er trotzdem: Ich würde im besten Hotel der Stadt wohnen und dort Partys feiern.

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