Erwin ist seit 45 Jahren obdachlos"

Sein ganzes Leben war eine Reise, nur dass er nie irgendwo ankam. Erwin hat keine Kinder, keine Frau und kein Zuhause. Er besitzt fast nichts und wird auch niemals eine Rente bekommen. Trotzdem bereut Erwin nichts ? und nennt sich selbst einen Gewinner."

Wann es losging mit dem Trinken, weiß Erwin nicht mehr so genau. Wann sein Leben die Richtung nahm, die er heute, mit 73 Jahren, immer noch verfolgt, das weiß Erwin.
Dit war 1964, wa. Als sie mich aus der DDR rausgeschmissen haben, weil ich den Bonzen auf die Fresse gehauen habe. Erwin ist obdachlos. Seit fast 45 Jahren. Eine Wohnung, ein eigenes Heim, also das, was für die meisten Menschen Sinnbild für Sicherheit ist, für Privatsphäre und Intimität, dit hat mich nie interessiert, behauptet er. Und doch hat der gebürtige Leipziger seit einigen Jahren eine mehr oder weniger feste Bleibe. In der Hamburger Übernachtungsstätte Pik As, wo er sich ein Zimmer mit einem Kumpanen teilt. Wozu eine Wohnung, sagt der alte Mann und hält dabei seine Handflächen nach oben, um dieser für ihn so wichtigen Frage Nachdruck zu verleihen. Seine Fingernägel sind lang und nikotinvergilbt, gebogen auch.

Er kann seine Handflächen nicht öffnen. Die Knochen seiner kleinen Finger und Mittelfinger sind angewachsen, die Sehnen haben sich über die Jahre so stark verkürzt, dass er seine Hände immer zur Faust ballen muss. Als warte er die ganze Zeit auf einen Kampf. Immer bereit, loszuschlagen. Der Doktor hat gesagt, er könnte da was aufschneiden. Aber danach könnten meine Finger steif werden, hat er gesagt. Das Risiko wollte ich nicht eingehen, sagt Erwin.

Kämpfe hatte er schon oft in seinem Leben. Als jüngstes von sechs Kindern eines Metzgers und einer Fabrikarbeiterin erlebte er den Zweiten Weltkrieg. Der älteste Bruder fällt in Italien. Als die Alliierten Leipzig bombardieren, ist er elf Jahre alt. Erwin und seine Mutter sind allein. Draußen, auf offener Straße buddeln sie sich aus lauter Verzweiflung in die Erde ein, die von den Bombenangriffen aufgerissen wurde. Todesangst. Das prägt Erwin. Ein Leben lang. Das werde ich nie vergessen, sagt er. Tränen schießen ihm in die Augen. Dieses eine Mal während des Gesprächs. Er verzieht den Mund, aus dem ein einziger Zahn hervorguckt-in nie vergangenem Schmerz.

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